Auf Kriegsfuss mit den Grossen und ein vermeintlicher Ruhetag

Mittwoch 11. September 2019; Venlo nach Maastricht 73,2km; Schleusen: 4; Brücken 24 wovon 0 geöffnet wurden.

Trotzdem wir gestern Abend noch mit dem Bus in die Stadt Venlo gefahren sind um etwas vom städtischen Nachtleben abzukriegen, sind wir am Morgen danach zu gewohnter Uhrzeit aus den Federn geschlichen. Das Morgenritual war wie gehabt, schon komisch wie schnell man selbst an Bord eines kleinen Bootes eine Tagesroutine entwickelt und diese auch benötigt. Das Ablegen bereitete uns erneut keine Probleme und so waren wir schnell wieder im gestrigen Fahrwasser unterwegs, weiter Richtung Süden nach Maastricht. Von diesem Liegeplatz mitten in der Innenstadt von Maastricht, haben wir bereits viel gehört und uns auch schon länger darauf gefreut. Nun sollte es heute also endlich soweit sein, unsere letzte Station in den Niederlanden. Dieses Land mit seinen freundlichen und mehrheitlich fröhlichen Menschen hat uns die letzten drei Monate auf unsere Reise begleitet. Als Wassersportdestination kann ich dieses Land nur wärmstens empfehlen, da gibt es für jeden Geschmack etwas und bis man „alles“ auf dem Wasserweg erkundet hätte würden sicher einige Sommer vergehen.

Auf unserem heutigen Programm stand der Fluss Maas mit seinen Lateralkanälen. Landschaftlich nicht gerade ein Kracher aus unserer Sicht aber das ist nun mal so, wenn der Kanal tiefer liegt als das umgebende Land sehen wir davon dann leider auch nicht viel. Aber links und rechts des Kanals säumen sich alte Flussläufe und Seen, welche sicher auch ein Abstecher wert wären aber aus zeitlichen Gründen liegt dies leider für uns nicht drin und unser Tiefgang von 1,2m ist auch nicht gerade für jedes Gewässer geeignet. Viele Nebenarme und Seen fallen für uns so weg, da sind die Motorbootfahrer schon deutlich im Vorteil.

Heute gab es vier Schleusen zu passieren, alle wieder nur auf die Grosschiffahrt ausgelegt und entsprechend etwas anspruchsvoller für uns zu handhaben. Bei der ersten Schleuse klappte noch alles einwandfrei, bei der zweiten Schleuse waren wir gezwungen kurz an einem Anleger vor der Schleuse zu warten. Als wir nach etwa 10 Minuten Wartezeit mittels „Grün/Rot“ an der Ampel zum Bereitmachen aufgefordert wurden und wir den Motor starten wollten passierte gar nichts. Die Maschine bzw. der Anlasser zeigte keinerlei Funktion. Kein Problem, unser Motor lässt sich ja auch mit einer Kurbel starten, da als Selbstzünder kein Zündfunke nötig ist. Aber auch da passierte nicht viel und auf einmal waren die Zylinder und der Dekompressionshebel blockiert und nichts liess sich mehr beheben. Also informierten wir die Schleuse, dass wir noch etwas länger hier bleiben würden und uns später wieder bei ihnen melden würden. Danach ging es los, Werkzeugkoffer zur Hand genommen und mit Taschenlampe im „Maschinenraum“ verschwunden. Zuerst die Ölzufuhr gelöst und dann den Zylinderdeckel demontiert. Glück gehabt, kein Wasser im Zylinder und nun konnte ich auch wieder mit der Kurbel den Motor bewegen. Nachdem ich auch beim Startrelais die Spannung kontrolliert hatte und diese in Ordnung war wurde ich etwas ratlos. Erstmal alles wieder zusammengebaut und dann aus einem Reflex, einfach noch mal den Schlüssel gedreht und siehe da, die Maschine sprang ohne zu murren an. Ich weiss bis jetzt noch nicht was genau das Problem war aber unsere Maschine lief und dies sollte sicherheitshalber zumindest bis heute Abend so bleiben, weshalb wir beschlossen den Motor erst nach dem Anlegen am Abend auszumachen. Nach dieser positiven Überraschung ging es auch gleich schnell weiter, die Schleuse stand noch offen und der Wärter liess uns noch einfahren. Viel Platz waren nachdem bereits zwei Frachtschiffe und zwei grössere Motorboote eingefahren waren nicht mehr vorhanden. Und da alle Schleusenwände belegt waren hingen wir uns einfach an einem der Motoryachten aussen dran ins Päckchen. Somit mussten wir nichts mehr tun zur Schleusung und die Crew des anderen Bootes übernahm die ganze Arbeit für uns. Es blieb aber noch genug Zeit für einen Schwatz mit dem freundlichen, deutschen Eigner. Weiter ging es auf dem Kanal. Auch die dritte Schleuse ein paar Stunden später war dann wieder problemlos und wir schleusten gemeinsam mit einem Frachtschiff, welches uns während unserer Motorpanne überholte. Platz war genügend da und so konnten wir auch genügend Abstand von dessen Schrauben halten. Unten seht ihr den Schleusenvorgang in einem kurzen Zeitraffervideo. In Echtzeit benötigten wir für das gezeigte Manöver ca. 17 Minuten.

Frei gelegte Zylinder bei unserem alten Volvo
Wir bewegen uns in urbanem Umfeld
Zeitrafferaufnahme eines Schleusenvorgangs

Die Strecke war sehr monoton und so sehnten wir uns nach dem Feierabend. Davor gab es aber noch eine Schleuse und ein paar Stunden Fahrt zu bewältigen. Als wir auf die letzte Schleuse zufuhren, sahen wir diese wieder offen und auf Grün stehen. Also erneut keine Wartezeit, jedoch drosselten wir das Tempo erheblich, da zuerst noch zwei Frachtschiffe einfuhren. Wir achten darauf uns nicht stressen zu lassen und in gebührendem Abstand einzufahren, damit die Schiffe Zeit haben festzumachen und ihre Schraubenleistung zu drosseln. Ansonsten herrschen Zustände wie in einem Whirlpool in der Schleuse und darauf haben wir keine Lust. Diesmal war aber etwas anders als sonst, als wir gerade das Schleusentor passierten, gab der hintere Frachter Vollgas und legte sein Ruder hart an um sich zurück an die Schleusenwand zu drücken, hatte er es nicht für nötig befunden das Heck auch festzumachen. Und es kam was kommen musste, bedingt durch unsere geringe Geschwindigkeit und damit verbundene Trägheit am Ruder wurden unser Bug vom Schraubenwasser in die Schleusenmauer gedrückt. Mehrere Fender verhinderten dass unser Boot Schaden nahm aber die Befestigungen der Mastauflage waren gerissen. Das war an und für sich keine grosse Sache, waren dies doch auch nur grosse Kabelbinder welche wir noch vorrätig hatten und sofort ersetzt werden konnten. Aber der Schock sass uns noch ein paar Minuten in den Knochen und wir waren etwas aufgebracht. Hatte doch der Schiffsführer aus reiner Bequemlichkeit auf das Festmachen des Hecks verzichtet und so durch sein rücksichtsloses Verhalten uns gefährdet. Aufgrund des geringen Platzes war es uns auch nicht möglich kurzfristig mehr Gas zu geben, da ansonsten der Bremsweg nicht mehr ausgereicht hätte bevor wir dem anderen Frachtschiff ins Heck gefahren wären. Fazit: Nichts tragisches passiert aber uns wurde erneut aufgezeigt, dass nicht jeder Kapitän so viel Rücksicht nimmt wie er könnte. Dass es auch anders gehen würde bekamen wir zuvor mehrfach bewiesen. Nach der Schleuse hatten wir aber noch etwas mehr als eine Stunde Zeit den Ärger zu schlucken und uns auf das Anlegemanöver in Maastricht vorzubereiten. Die Stadt kam immer näher und bereits von weitem konnten wir die uns durch Bilder bekannte Brücke sehen. Durch das Fernglas sahen wir auch, dass wir zum Abschluss doch noch etwas Glück hatten und für uns noch ein Liegeplatz zuvorderst bei einem der beiden Aufgänge frei war. Zentimetergenau manöverierten wir unser Boot genau in die freie Lücke und machten um genau 20 Uhr fest. Zur Feier des Tages gönnten wir uns eines der für uns selten gewordenen Essen in einem Restaurant. Etwas später als und bedeutend satter als sonst legten wir uns in unsere Kojen. Morgen steht gross „RUHETAG“ im Kalender.

Donnerstag 12. September 2019; Festgebunden in Maastricht 0,0km; Schleusen: 0; Brücken 0 wovon 0 geöffnet wurden.

Unseren heutigen Ruhetag nutzten wir um uns auf die vor uns liegenden Strecken in Frankreich vorzubereiten. Bis an die französisch-belgische Grenze wussten wir zu diesem Zeitpunkt bereits genau Bescheid. Bei der Durchsicht der verschiedenen „Bulletins de la batellerie“, den aktuellen Zustandsbericht der Wasserwege, stellten wir fest dass aktuelle und zukünftige Vollsperrungen uns den Weg ans Mittelmeer für dieses Jahr fast verunmöglichen werden. Verschiedene Alternativen haben wir geprüft, den Umweg via Paris, Strasbourg, Rhein oder in die gleiche Richtung um dann in der Seine die andere Richtung einzuschlagen und Le Havre anzulaufen um nächstes Jahr im Ärmelkanal unsere Reise fortzusetzen. Wir werden sehen, entscheiden müssen wir Heute und Morgen noch nichts. Der Weg durch Belgien ist der selbe und die Zeit zeigt einem meistens den besseren Weg auf. Aber somit bleibt der weitere Verlauf unserer Reise spannend und überraschend. Morgen machen wir uns auf jeden Fall auf unser nächstes Land zu entern. Belgien, wir haben schon einiges über die bürokratischen Aufwände für die Durchfahrt gehört und uns entsprechend vorbereitet. Wir werden ja sehen ob unsere Infos noch aktuell sind oder sich in den letzten Jahren etwas geändert hat.

Eisenbahnbrücke bei Venlo
An Schwimmpollern befestigt steigen wir gemütlich wie in einem Lift die mehrere Meter empor.
Unser Liegeplatz an der berühmten Mauer von Maastricht

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